Thringer Kultusministerium - Prfung 2000 - Fachoberschule - Deutsch

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 Aufgabe 1 Freie Errterung 

"Die Grte Schwche der Gewalt liegt darin, dass sie gerade das erzeugt, was sie vernichten will. Statt das Bse zu verringern, vermehrt sie es [...] Durch Gewalt kann man den Hasser ermorden, aber man ttet den Hass nicht. Das ist der Lauf der Dinge. Gewalt mit Gewalt zu vergelten, vermehrt die Gewalt und macht eine Nacht, die schon sternenlos ist, noch dunkler."  

(Martin Luther King, Black Power. In: Wohin fhrt unser Weg?, Dsseldorf 1968)

Errtern Sie die Problematik und formulieren Sie Ihre Vorstellungen dazu, ob eine Gesellschaft ohne Gewalt existieren kann!

(Dem Aufsatz muss eine Gliederung vorangestellt werden.)

 Aufgabe 2 Errterung eines Sachtextes 

Max Frisch: Homo faber (Auszug)

Untersuchen Sie die Argumentationsstruktur des Autors! Setzen Sie sich mit der Problematik auseinander und entwickeln Sie Ihre eigene Position dazu.  

 Aufgabe 3 Interpretation eines epischen Textes 

Helga Knigsdorf (geb. 1936): Unverhoffter Besuch

Interpretieren Sie den Text!  

 Aufgabe 4 Interpretation eines dramatischen Textes 

Walter Hasenclever (1890-1940): Der Sohn (II. Akt, 2. Szene)

Interpretieren Sie den Dramenauszug!
Untersuchen Sie dabei die unterschiedlichsten Positionen von Vater und Sohn.
Bewerten Sie diese aus Ihrer Sicht!  
 





Textanhang zu Aufgabe 2

Max Frisch
Homo faber (Auszug)


Schwangerschaftsunterbrechung ist heutzutage eine Selbstverstndlichkeit. Grundstzlich betrachtet: Wo kmen wir hin ohne Schwangerschaftsunter brechungen? Fortschritt in Medizin und Technik ntigen gerade den verantwortungsbewuten Menschen zu neuen Manahmen. Verdreifachung der Menschheit in einem Jahrhundert: Frher keine Hygiene. Zeugen und gebren und im ersten Jahr sterben lassen, wie es der Natur gefllt, das ist primitiver, aber nicht ethischer. Kampf gegen das Kindbettfieber. Kaiserschnitt, Brutkasten fr Frhgeburten. Wir nehmen das Leben ernster als frher. Johann Sebastian Bach hatte dreizehn Kinder (oder so etwas) in die Welt gestellt, und davon lebten nicht 50 %. Menschen sind keine Kaninchen, Konsequenz des Fortschritts: wir haben die Sache selbst zu regeln. Die drohende berbevlkerung unserer Erde. Mein Oberarzt war in Nordafrika, er sagt wrtlich: Wenn die Araber eines Tages dazu kommen, ihre Notdurft nicht rings um ihr Haus zu verrichten, so ist mit einer Verdopplung der arabischen Bevlkerung innerhalb von zwanzig Jahren zu rechnen. Wie die Natur es berall macht: berproduktion, um die Erhaltung der Art sicherzustellen. Wir haben andere Mittel, um die Erhaltung der Art sicherzustellen. Heiligkeit des Lebens! Die natrliche berproduktion (wenn wir drauflosgebren wie die Tiere) wird zur Katastrophe: nicht Erhaltung der Art, sondern Vernichtung der Art. Wieviel Menschen ernhrt die Erde? Steigerung ist mglich, Aufgabe der Unesco: Industrialisierung der unterentwickelten Gebiete, aber die Steigerung ist nicht unbegrenzt. Politik vor ganz neuen Problemen. Ein Blick auf die Statistik: Rckgang der Tuberkulose beispielsweise, Erfolg der Prophylaxe, Rckgang von 30 % auf 8 %. Der liebe Gott! Er machte es mit Seuchen; wir haben ihm die Seuchen aus der Hand genommen. Folge davon: wir mssen ihm auch die Fortpflanzung aus der Hand nehmen. Kein Anla zu Gewissensbissen, im Gegenteil: Wrde des Menschen, vernnftig zu handeln und selbst zu entscheiden. Wenn nicht, so ersetzen wir die Seuchen durch Krieg. Schlu mit Romantik. Wer die Schwangerschaftsunterbrechung grundstzlich ablehnt, ist romantisch und unverantwortlich. Es sollte nicht aus Leichtsinn geschehen, das ist klar, aber grundstzlich: wir mssen den Tatsachen ins Auge sehen, beispielsweise der Tatsache, da die Existenz der Menschheit nicht zuletzt eine Rohstoff Frage ist. Unfug der staatlichen Geburtenforderung in faschistischen Lndern, aber auch in Frankreich. Frage des Lebensraumes. Nicht zu vergessen die Automation: wir brauchen gar nicht mehr so viele Leute. Es wre gescheiter, Lebensstandard zu heben. Alles andere fhrt zum Krieg und zur totalen Vernichtung. Unwissenheit. Unsachlichkeit noch immer sehr verbreitet. Es sind immer die Moralisten, die das meiste. Unheil anrichten, Schwangerschaftsunterbrechung: eine Konsequenz der Kultur, nur der Dschungel gebrt und verwest, wie die Natur will. Der Mensch plant. Viel Unglck aus Romantik, die Unmenge katastrophaler Ehen, die aus bloer Angst vor Schwangerschaftsunterbrechung geschlossen werden heute noch. Unterschied zwischen Verhtung und Eingriff? In jedem Fall ist es ein menschlicher Wille, kein Kind zu haben. Wieviele Kinder sind wirklich gewollt? Etwas anderes ist es, da die Frau eher will, wenn es einmal da ist. Automatismus der Instinkte, sie vergit, da sie es hat vermeiden wollen, dazu das Gefhl der Macht gegenber dem Mann, Mutterschaft als wirtschaftliches Kampfmittel der Frau. Was heit Schicksal? Es ist lcherlich, Schicksal abzuleiten aus mechanisch-physiologischen Zufllen, es ist eines modernen Menschen nicht wrdig. Kinder sind etwas, was wir wollen, beziehungsweise nicht wollen. Schdigung der Frau? Physiologisch jedenfalls nicht, wenn nicht Eingriff durch Pfuscher; psychisch nur insofern, als die betroffene Person von moralischen oder religisen Vorstellungen beherrscht wird. Was wir ablehnen; Natur als Gtze! Dann mte man schon konsequent sein; dann auch kein Penicillin, keine Blitzableiter, keine Brille, kein DDT, kein Radar und so weiter. Wir leben technisch, der Mensch als Beherrscher der Natur, der Mensch als Ingenieur, und wer dagegen redet, der soll auch keine Brcke benutzen, die nicht die Natur gebaut hat. Dann mte man schon konsequent sein und jeden Eingriff ablehnen, das heit: sterben an jeder Blinddarmentzndung. Weil Schicksal! Dann auch keine Glhbirne, keinen Motor, keine Atom-Energie, keine Rechenmaschine, keine Narkose - dann los in den Dschungel! 

Frisch. Max: Homo faber. Ein Bericht. Suhrkamp Taschenbuch 354, S. 105-107  
 




Textanhang zu Aufgabe 3

Helga Knigsdorf
Unverhoffter Besuch


Freitagabend kommt Britt. Unangemeldet. Unerwartet. Ungelegen. Und fragt: Ich stre doch nicht?
Ich bin kein Mensch, den man unangemeldet besucht. Jedenfalls tut es sonst niemand, auch Gustav nicht. Freitag ist sein Abend.
Britt hinterlt ihre Schuhe im Flur, legt ihre Beine ber die Armlehne meines Drehsessels und schwingt langsam her und hin.
Um nicht reden zu mssen - wie oft habe ich Gesprche falsch begonnen - um also nichts zu verderben, beschftige ich mich mit lauter Nebenschlichkeiten. Znde Kerzen an. Streiche Kissen glatt. Ziehe Vorhnge zu. Schenke Kirschlikr ein. Stullen hole ich spter. Aber keinesfalls bevor Britt sagt: Hab ich einen Hunger.
Als sich Britt eine von Gustavs Zigaretten aus der Schrankwand langt, wei ich sie in nachsichtiger Stimmung. Sie hat Verstndnis fr mich, die ich in einer Erwachsenenwelt leben mu. Ahnt schon, mehr und mehr selbst betroffen, da sich die Grenzen nicht weiten, sondern verengen.
Sie verzeiht mir, ehe ich noch daran denke. Beobachtet mich ein wenig spttisch, wie ich den schwarzen Hrer aufnehme, die Nummer whle und sage: Birgit Ellen ist bei mir. Macht euch keine Sorgen. Ich sage wirklich. Birgit Ellen. Mein Ton lt keine Vertraulichkeiten zu. Keine Fragen. Keine Erklrungen. Britt sieht danach befriedigt aus und wird spter von mir das Geld fiir die Rckfahrt annehmen. Insgeheim beneide ich sie. Ich bin niemals irgendwo davongelaufen. Ich wollte es immer allen recht machen.
Nun der Anruf bei Gustav. Diesen Abend bin ich nicht frei fr ihn.
Wir schlrfen Kirschlikr, knabbern Anispltzchen und mustern uns verstohlen. Ich registriere die struppigen Haare, den verwaschenen Pulli und die nicht sonderlich reinen Rhren ihrer Hosenbeine. Es ist ihre Art, Haltung zu zeigen, nicht anders als ich mit meinem Make up, dem Nagellack und dem Hauch Parfmduft. So sitzen wir da, beneiden einander und geben es nicht zu.
Britt besucht eine Spezialschule. Auf dem letzten Zeugnis hatte sie nur Einsen. Vom Sport ist sie durch Attests befreit. Sie lt sich den Durchschnitt nicht verderben. Sie ist klein und mollig.
Ihr erster Freund war lang und mager. Manchmal wurde ber sie gelacht, wenn sie nebeneinander gingen. Das hat er nicht ausgehalten. Das halten Mnner nie aus.
Ihr zweiter Freund fand whrend seiner Armeezeit in Standortnhe eine andere. Britt spricht sachlich darber. Dramen sind nicht modern. Vielleicht wre es besser, sie knnte mal richtig heulen.
Ich habe mit meine Tragdien geleistet. Wandlungen vollzogen sich in mir. Schmerzhafte Wandlungen.
Britt sagt, sie sei glcklich, endlich die Pille ohne Einwilligung der Eltern nehmen zu drfen. Ein Mdchen in ihrer Schule hat die zweite Unterbrechung hinter sich. Eine andere bekommt ein Kind. Wenn Britt ein Kind bekme, knnte sie nicht studieren. Britt vertrgt die Pille gut.
In Britts Alter bin ich manchmal mit dem Abendzug in die Kreisstadt gefahren und in der Dunkelheit lange ziellos durch menschenleere Straen geirrt. In jener Zeit begann die Angst. Das Gefhl, ausgeschlossen zu sein. Am Leben nicht teilzuhaben. Allein zu bleiben.
Auch Britt ist unruhig. Sie sehnt sich nach etwas und kann nicht sagen wonach. Hin und wieder berfllt sie eine grundlose Traurigkeit. Dann mchte sie sich am liebsten verkriechen. Eine ungeheure Begeisterungsfhigkeit liegt brach, weil sie dafr keine Verwendung wei. Auf keinen Fall drfte es organisiert werden, sagt Britt.
Ich hielt immer viel von Organisation. Ich hatte einen Lebensplan, und der ging auf. Der passende Mann. Im richtigen Jahr das richtige Kind. Wissenschaftliche Grade. Ein zunehmender Verantwortungsbereich. Stndig wachsende Bedrfnisse. Aber eines Tages, als es von mir hie: Die hat es geschafft, war alles wieder da. Das Gefhl, das Leben wrde von anderen irgendwo anders gelebt. Die Einsamkeit. Viel trostloser jetzt, da ich keinen Augenblick allein war. Die Angst, nicht zu gengen. Viel strker jetzt, da ich scheinbar Erfolg um Erfolg verbuchte.
Britt kennt ihr Ziel noch nicht. Manchmal ist es, als kribbelten Ameisen in ihren Adem. Dann treibt es sie auf die Strae. Am Klubhaus hngt ein Schild: Jugendtanz fllt heute aus. Das Schild hngt bereits drei Monate. Mit Freundinnen besucht sie Kneipen und Tanzlokale. Von den Jungen, die sie dort trifft, kennt sie oft nur die Spitznamen. Zuweilen finden sich mehrere zusammen, und sie fahren mit Motorrdern durch die umliegenden Drfer. In solchen Augenblicken kann es geschehen, da Britt ein helles Glck empfindet.
Ich wollte das Glck erzwingen. Ich habe alles zerschlagen, was sich mit meiner Unsicherheit, meiner Angst verband. Habe einen Scherbenhaufen hinterlassen und bin geflohen. Und mute begreifen, da ich nicht entfliehen konnte, weil ich alles in mir selbst trug.
Britts Eltern sind geschieden. Sie lebt bei ihrem Vater. Es war ihr eigener Wunsch. Jetzt kommt sie mit ihm immer schwerer aus, weil er nicht merkt, wie sehr sie schon sie selbst ist.
Man kommt gut allein zurecht, sage ich. Im Herbst werde ich fr ein halbes Jahr nach M. fahren und eine Reihe von Vortrgen halten. Die werden ganz ordentlich, glaube ich. Vorher mu ich mir ein Kind wegmachen lassen.
Wir sehen uns an und sind begeistert. Jede ist es von sich. Und ich denke, da es die einzige Art Selbstzufriedenheit ist, die ich mir erlauben will. Wenigstens zur Zeit. Bis ich gelernt habe, in mir selbst heimisch zu werden.
Im Herbst mu sich Britt endgltig fr eine Studienrichtung entscheiden. Sie wrde gern Staatsanwalt wie ihr Vater. Aber dafr nehmen sie keine Mdchen. Britt sieht das ein. Sie sieht auch ein, da sie bei fast allen Bewerbungen bessere Leistungen vorweisen mu als ein Junge. Frauen sind unkonomisch, sagt Britt.
Sie hat sich noch nicht entschieden. Wir werden stndig orientiert, sagt Britt. Vor lauter Orientierungen hast du schlielich den Eindruck, alle anderen sind dafr verantwortlich, was aus dir wird, nur du selbst nicht.
Mit ihrem Vater kann sie darber nicht reden. Jedes Gesprch mit ihm endet in der Feststellung, wie gut sie es habe, wie dankbar sie sein solle und da sie es mit hohen Leistungen abgelten msse. Es ist ein Automatismus, sagt Britt.
Weit du noch, deine Aufziehpuppe, sage ich.
Ein bichen hneln alle Erwachsenen Aufziehpuppen, meint Britt und vergit, wie nahe das Erwachsensein ist.
Britt ist nicht undankbar. Aber sie will auch nicht dauernd dankbar sein. Sie mchte etwas ganz Eigenes. Sie wird sich auf die Suche begeben und merken, da die Suche nie aufhrt.
Es klingelt. Britt, in Gustavs Schlafanzug, mit hochgerollten Hosenbeinen, ffnet die Tr. Gustav sagt: Habe ich das ntig. Er riecht nach Bier und Rauch. Wer bin ich denn. Ein Niemand. Ein Nichts. Einer, den man abbestellt wie eine Suppe, auf die man gerade mal keine Lust hat.
Britt meint, er habe recht, und wir sollten Kaffee kochen. Sie behandelt uns ein bichen von oben herab. Gerade so, da es wohltut. Offensichtlich leidet sie nicht an jenem Unterlegenheitsgefhl Mnnern gegenber, das mir bereits mit der Muttermilch eingeflt wurde. Sie braucht spter ihre Unabhngigkeit nicht hinauszuschreien. Sie kann sich normal verhalten. In diesem Punkt jedenfalls.
Als wir mit dem Kaffee kommen, liegt Gustav auf dem Sofa und schnarcht.
Aus Matratzen und Kissen richten wir uns im Nebenzimmer auf dem Fuboden ein Lager. Ich halte Britt in den Armen, und wir flstern noch eine Weile. Dann schlft sie ein, und ich liege ganz still, um sie nicht zu stren. Meine geliebte, geplante, verlorene Tochter Britt, die zu mir zurckgekehrt ist fr diesen einen Augenblick.


Jugend in Deutschland - Ost und West. Diesterweg-Verlag, Frankfurt/M. 1991.S.104-108  
 




Textanhang zu Aufgabe 4

Walter Hasenclever
Der Sohn (1914), 11/2


Der Sohn, der aus Protest gegen das Leistungsdenken des Vaters in der Schule durchgefallen ist, lebt wie ein Gefangener im elterlichen Haus. In der Szene 11/2 offenbart der Sohn dem Vater diese Tatsache.

DER SOHN geht ihm einen Schritt entgegen
Guten Abend, Papa!
DER VATER sieht ihn an, ohne ihm die Hand zu reichen, eine Weile
Was hast du mir zu sagen?
DER SOHN Ich habe mein Examen nicht bestanden.
Diese Sorge ist vorbei.
DER VATER Mehr weit du nicht? Mute ich deshalb zurckkehren?
DER SOHN Ich bat dich darum - denn ich mchte mit dir reden, Papa.
DER VATER So rede!
DER SOHN Ich sehe in deinen Augen die Miene des Schaffots. Ich frchte, du wirst mich nicht verstehn.
DER VATER Erwartest du noch ein Geschenk von mir, weil sich die Faulheit gercht hat?
DER SOHN Ich war nicht faul, Papa...
DER VATER geht zum Bcherschrank und wirft hhnisch die Bcher um
Anstatt diesen Unsinn zu lesen, solltest du lieber deine Vokabeln lernen. Aber ich wei schon - Ausflchte haben dir nie gefehlt. Immer sind Andere schuld. Was tust du den ganzen Tag? Du singst und deklamierst - sogar im Garten und noch abends im Bett. Wie lange willst du auf der Schulbank sitzen? All deine Freunde sind lngst fort. Nur du bist der Tagedieb in meinem Haus.
DER SOHN geht hin zum Schrank und stellt die Bcher wieder auf
Dein Zorn galt Heinrich von Kleist; er berhrt das Buch zrtlich der hat dir nichts getan. - Welchen Mastab legst du an!
DER VATER Bist du schon Schiller oder Matkowski? Meinst du, ich hrte dich nicht? Aber diese Bcher und Bilder werden verschwinden. Auch auf deine Freunde werde ich ein Auge werfen. Das geht nicht so weiter. Ich habe kein Geld gespart, um dir vorwrts zu helfen; ich habe dir Lehrer gehalten und Stunden geben lassen. Du bist eine Schande fr mich!
DER SOHN Was hab ich verbrochen? Hab ich Wechsel geflscht?
DER VATER La diese Phrasen. Du wirst meine Strenge fhlen, da du auf meine Gte nicht hrst.
DER SOHN Papa, ich hatte anders gedacht, heute vor dir zu stehn. Fern von Gte und Strenge, auf jener Waage mit Mnnern, wo der Unterschied unseres Alters nicht mehr wiegt. Bitte, nimm mich ernst, denn ich wei wohl, was ich sage! Du hast ber meine Zukunft bestimmt. Ein Sessel blht mir in Ehren auf einem Amtsgericht. Ich mu dir meine Ausgaben aufschreiben - ich wei. Und die ewige Scheibe dieses Horizontes wird mich weiterkreisen, bis ich mich eines Tages versammeln darf zu meinen Vtern.
Ich gestehe, ich habe bis heute darber nicht nachgedacht, denn die Spanne bis zum Ende meiner Schule erschien mir weiter als das ganze Leben. Nun aber bin ich durchgefallen - und ich begann zu sehn. Ich sah mehr als du, Papa, verzeih.
DER VATER Welche Sprache!
DER SOHN Eh du mich prgelst, bitte, hr mich zu Ende. Ich erinnre mich gut der Zeit, als du mich mit der Peitsche die griechische Grammatik gelehrt hast. Vor dem Schlaf im Nachthemd, da war mein Krper den Striemen nher! Ich wei noch, wie du mich morgens berhrtest, kurz vor der Schule; in Angst und Verzweiflung mut ich zu Hause lernen, wenn sie lngst schon begonnen hatte. Wie oft hab ich mein Frhstck erbrochen, wenn ich blutig den langen Weg gerannt bin! Selbst die Lehrer hatten Mitleid und bestraften mich nicht mehr. Papa - ich habe alle Scham und Not ausgekostet. Und jetzt nimmst Du mir meine Bcher und meine Freunde, und in kein Theater darf ich gehen, zu keinem Menschen und in keine Stadt. Jetzt nimmst du mir von meinem Leben das Letzte und rmste, was ich noch habe.
DER VATER Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sei froh, da ich dich nicht lngst aus dem Haus gejagt.
DER SOHN Httest du es getan, ich wre ein Stck mehr Mensch, als ich bin.
DER VATER Du bist noch mein Sohn, und ich mu die Verantwortung tragen. Was du spter mit deinem Leben tust, geht mich nichts an. Heute habe ich zu sorgen, da ein Mensch aus dir wird, der sein Brot verdient, der etwas leistet.
DER SOHN Ich keine deine Sorge, Papa! Du bewahrst mich vor der Welt, weil es zu deinem Zwecke geschieht! Aber wenn ich das Siegel dieser geistlosen Schule, die mich martert, am Ende auf meinem Antlitz trage, dann lieferst du mich aus, kalt, mit einem Tritt deiner Fe. 0, Verblendung, die du Verantwortung nennst! 0 Eigennutz, Vterlichkeit!
DER VATER Du weit nicht, was du redest.
DER SOHN Und trotzdem will ich versuchen, noch heute in dieser Stunde, mit aller Kraft, der ich fhig bin, zu dir zu kommen. Was kann ich denn tun, da du mir glaubst! Ich habe nur die Trnen meiner Kindheit, und ich frchte, das rhrt dich nicht. Gott, gib mir die Begeisterung, da dein Herz ganz von meinem erfllt sei!
DER VATER Jetzt antworte: was willst du von mir?
DER SOHN Ich bin ein Mensch, Papa, ein Geschpf, ich bin nicht eisern, bin kein ewig glatter Kieselstein. Knnt ich dich erreichen auf der Erde! Knnt ich nher zu dir! Weshalb diese schmerzliche Feindschaft, dieser in Ha verwundete Blick? Gibt es ein Nest, einen Aufstieg zum Himmel - ich mchte mich an dich ketten - hilf mir!
Er fllt vor ihm nieder und ergreift seine Hand.
DER VATER entzieht sie ihm Steh auf und la diese Mtzchen. Ich reiche meine Hand nicht einem Menschen, vor dem ich keine Achtung habe.
DER SOHN erhebt sich langsam Du verachtest mich - das ist dein Recht;
Dafr leb ich von deinem Gelde. Ich habe zum ersten Male die Grenzen des Sohnes durchbrochen mit dem Sturm meines Herzens. Sollt ich das nicht? Welches Gesetz zwingt mich denn unter dies Joch? Bist du nicht auch nur ein Mensch, und bin ich nicht deinesgleichen? Ich lag zu deinen Fen und habe um deinen Segen gerungen, und du hast mich verlassen im hchsten Schmerz. Das ist deine Liebe zu mir. Hier endet mein Gefhl.



Hasenclever, Walter: Der Sohn. Reclam Universalbibliothek Nr. 8978, S. 35-38