Thringer Kultusministerium - Prfung 1999 - Fachoberschule - Deutsch

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 Aufgabe 1 Freie Errterung 

"Wer Selbstverwirklichung im vollen Umfang will, muss auf Kinder verzichten. Kinder zu haben, ist immer eine Einschrnkung der Selbstverwirklichung - jedenfalls in dem Verstndnis, wie es heute weithin herrscht. Ich bin der Meinung, dass es richtig verstanden anders ist, dass also gerade Kinder geradezu zur Selbstentfaltung einen wesentlichen Beitrag leisten."

(Steffen Heitmann, Justizminister des Freistaates Sachsen, in:
Sddeutsche Zeitung v. 18.9.1993)

Errtern Sie die Problematik und entwickeln Sie Ihre Vorstellungen von Selbstverwirklichung!

(Dem Aufsatz mu eine Gliederung vorangestellt werden.)  

 Aufgabe 2 Errterung eines Sachtextes 

Michael Schwarze: Eine ernste Sache

Analysieren Sie den vorliegenden Text und setzen Sie sich mit der darin enthaltenen Problematik auseinander!  

 Aufgabe 3 Interpretation eines epischen Textes 

Sybille Berg (geb. 1962): Ein paar Leute suchen das Glck und lachen sich tot

Interpretieren Sie den Textausschnitt!  

 Aufgabe 4 Interpretation eines dramatischen Textes 

Friedrich Drrenmatt (1921 -1990): Der Besuch der alten Dame

Interpretieren Sie den Dramenauszug!  
 





Textanhang zu Aufgabe 2

Michael Schwarze
Eine ernste Sache


Kulturpessimisten haben der Menschheit schon vor Jahrzehnten eine gewisse Rastlosigkeit bescheinigt. Sie konnten freilich beim besten Willen nicht ahnen, dass einmal die Mehrzahl der Menschen damit beschftigt sein wrde, einen Ball zu treten, zu werfen oder ihn mittels eines darmsaitenbespannten Ovals ber ein Netz zu schlagen.
Ein antiquierter Mensch ist heute zu nennen, wer in seinem Keller nicht mindestens einen Expander, eine Sprossenwand und ein Standfahrrad sein eigen nennt. Gelinde gesagt nicht auf dem Laufenden ist jener, dem ein Dynamik-Trainer und ein Laufband-Ergometer fehlen. Die Ruhe ist nicht lnger erste Brgerpflicht, Bewegungslosigkeit gilt als Missetat am Krper, als perfider Anschlag auf die Gesundheit, auf Herz, Kreislauf und den Stoffwechsel. Wer lnger leben will, muss lnger laufen. Der Bewegungszwang uert sich anfangs eher harmlos. Der Aufzug bleibt unbenutzt, der Mensch erklimmt die Treppen. Einmal der Bewegungshilfen entwhnt, die bse Techniker zum Schaden des Wohlbefindens ersonnen haben, strebt der Mensch nach mehr. Dies war die Geburtsstunde des "Jogging". Das lang anhaltende Traben hatte unter dem alten deutschen Wort Dauerlauf ein unscheinbares Dasein gefristet: auch verriet das deutsche Wort noch zu viel von der relativen dnis dieser Beschftigung. Als Import hat es seinen Siegeszug angetreten. Wer auf sich hlt, luft schon lngst nicht mehr vor der Haustr. Er fliegt freitags nach New York, hetzt samstags zweiundvierzig Kilometer durch die frischgelfteten Straen der Stadt und kehrt sonntags mit dem beruhigenden Gefhl zurck, seinem Krper Gutes getan zu haben, whrend der Nachbar bei Kaffee und Kuchen auf dem Balkon der Gesundheit Schaden zugefgt hat. 25 Millionen lauffreudiger Zeitgenossen soll es allein in den Vereinigten Staaten geben. Destruktive Engerlinge haben gelegentlich vor den schdlichen Folgen dieses Dauerlaufs gewarnt. Doch wie sollte man eine Menschheit, der man das Rauchen nicht abgewhnen kann, vor der Gesundheit warnen knnen. Keine Frage, wir sind Augenzeuge einer Gesundheitsepidermie. Jeder schnorchelt heute so gut er kann, steht mit zwei Beinen auf einem Rollschuh oder wirft einen Ball mit erstaunlicher Ausdauer an die Wand, um ihn beim Rckflug wieder zu erhaschen. Die Epidemie spart niemanden aus. Nicht die Jungen, nicht die Alten, nicht hoch, nicht niedrig. Wo in der fitnesslosen alten Zeit zwei wrdige Herren im gemessenen Tempo einander im Park begegneten, artig den Hut lfteten, eilen sie heute aneinander vorbei, allenfalls zum Grue die Trainingsjahre lupfend ...
Die Sportmanie wird man rckhaltlos bejahen knnen. Sportfreunde haben sich immer etwas zu sagen. Wo die Gesprche zwischen gewhnlichen Menschen leicht ins Stocken geraten und eine unangenehme Stille aufkommt, braucht der Gastgeber um Gesprchsstoff fr seine Bekannten aus dem Tennisklub nicht besorgt zu sein. Immerzu kommen neue Schlger auf den Markt, die Mode muss bedacht werden und auch der beklagenswerte Zustand - des Klubhauses. Wie nichts sonst entspricht der Bewegungsdrang auch dem Selbstbild einer mobilen Gesellschaft. Geschwindigkeit ist alles. Die Industriegesellschaften haben den historischen Sprung geschafft. Sie sind umstandslos vom Fortschritt zum Fortlauf bergegangen.
Sport nannte man einst die herrlichste Nebensache der Welt. Darin lag unangemessene Geringschtzung. Manche nahmen die Mitgliedschaft im Handballverein nur als Vorwand fr Zechgelage. Mit diesem Unernst hat es ein Ende. Vor lngerer Zeit fhrte ein Mitbrger ein Fernsehteam nicht ohne Stolz in seine gute Stube. Die Wnde waren berst mit Plaketten, die der Mann in penibler Kleinarbeit bei Hunderten von Volkslufen redlich erworben hatte. Spa ist Spa und Sport ist Dienst. Der sportliche Trieb hllt sich in mancherlei Gewand. Eines ist jene Art zu tanzen, wie sie heute in Diskotheken zu beobachten ist. War frher der Tanz ein mhsamer Umweg in dem Bemhen, einen Menschen anderen Geschlechts kennen zu lernen, so hnelt er heute der Krpergymnastik. Strzte frher, sobald die Musik nur etwas schleppend wurde, alles auf die Tanzflche, so leert sich diese heutzutage schlagartig, wenn langsame Rhythmen den potentiellen Fitnesswert des Tanzes zu vermindern drohen. Sportlich aussehen ist alles. Frher htte sich ein Angestellter geschmt, mit sonnengebruntem Gesicht seine rmelschoner abzuwetzen. Schlielich htte das bedeutet, er habe zuviel freie Zeit. Heute will jeder so aussehen, als sei er das ganze Jahr im Urlaub. Wem kein Lauf zu lang, kein Berg zu hoch, kein Brett zu dnn, kein Weg zu weit ist, den belohnt die Statistik. Fast vier Jahre, so lockten die Zahlen, lebt ein Dauerlufer lnger. Hernach wird man sagen: Laufe in Frieden. 

(Aus: Schwarze, Michael: Eine ernste Sache. FHRP 1991. In ders., Weihnachten ohne Fernsehen, Frankfurt 1984, S, 98 -100)  
 




Textanhang zu Aufgabe 3

Sybille Berg
Ein paar Leute suchen das Glck und lachen sich tot - Nora hat Hunger -


Ich wiege mich jeden Morgen.
Morgens ist es immer ein bichen weniger.
Seit einem halben Jahr esse ich nur noch Gurken, pfel und Salat. Alles ohne Zustze, versteht sich.
Zuerst war mir bel. Ich hatte Bauchkrmpfe. Aber jetzt geht es einfach. Wenn ich Essen rieche, habe ich keinen Hunger mehr. Mir wird direkt schlecht, wenn ich Essen rieche.
Gestern waren es 40 Kilo. Ich bin 1,75 gro. Vielleicht wachse ich noch. Dnner werde ich auf jeden Fall.
Ich habe es mir geschworen.
Seit ich nicht mehr esse, brauche ich niemanden mehr. Meine Eltern sind fremde Personen geworden. Es ist mir egal, ob sie mich beachten oder nicht. Ich bin sehr stark. Meine Mutter hat geweint, neulich. Ich habe zugesehen, wie das Wasser ihr Make up verschmiert hat. Und bin rausgegangen. Es sah hlich aus. Ich habe auch gesehen, wie dick sie ist. Sie sollte etwas dagegen tun. Ich verstecke mich in der Schule nicht mehr. Als ich noch dick war, bin ich in der Pause immer aufs Klo gegangen, damit sie mich nicht ignorieren knnen. Jetzt stehe ich offen da und denke mal, da sie mich beneiden.
Ich sehe noch immer nicht ganz schn aus. Ich bin noch zu dick. Die Arme sind gut, da ist kaum noch Fleisch dran. Ich finde Fleisch hlich. Und die Rippen sieht man auch schon gut. Aber die Beine sind zu dick.
Als ich noch richtig dick war, hatte ich irgendwie keine Persnlichkeit. Jetzt ist das anders. Ich bin innen so wie auen. Ganz fest. Mit einem Ziel ist keiner alleine, weil ja dann neben dem Menschen immer noch das Ziel da ist. Ich kann mich noch erinnern, wie es war, dick zu sein. Mal ging es mir gut, und im nchsten Moment mute ich heulen und wute nicht, warum. Ich meine, das kam mir alles so sinnlos vor. Da ich bald mit der Schule fertig bin und dann irgendeinen Beruf lernen mu. Und dann wrde ich heiraten und wrde in einer kleinen Wohnung wohnen und so. Das ist doch zum Kotzen. Mit so einer kleinen Wohnung, meine ich. Das kann doch nicht Leben sein. Aber eben, wie Leben sein soll, das wei ich nicht. Ich denke mir, da ich das wei, wenn ich schn bin. Ich werde so schn wie Kate Moss oder so jemand. Vielleicht werde ich Model.
Meine Mutter war mit mir bei einem Psychologen. Ein dicker, alter Mann. Mutter lie uns allein, und er versuchte mich zu verarschen. Mich verarscht keiner so leicht. Ich hab so einiges gelesen, ich meine, ich kenne ihre blden Tricks. Und der Typ war mal speziell bld.
"Bedrckt dich was", hat er gefragt. Und so ein Schei halt, und ich habe ihn die ganze Zeit nur angesehen. Der Mann war echt fett, und unter seinem Hemd waren so Schwitzrnder. Ich habe nicht ber eine Fragen nachgedacht.
Ich meine, was soll ich einem fremden, dicken Mann irgendwas erzhlen. Einem Mann, der sich selbst nicht unter Kontrolle hat. Der frit. Ich bin weggegangen und habe den Psychologen sofort vergessen.
Ich habe ein Ziel.
Ich habe vor nichts mehr Angst. Ich denke nicht mehr nach. Das ist das Beste. 

(Aus: Berg, Sybille: Ein paar Leute suchen das Glck und lachen sich tot. Reclam-Verlag, Leipzig 1997, S. 9 - 10)  
 




Textanhang zu Aufgabe 4

Friedrich Drrenmatt
Der Besuch der alten Dame


Die Milliardrin Claire Zachanassian kehrt nach Jahren in ihre Heimatstadt Gllen zurck, aus der sie einst verstoen wurde. Sie bietet den Einwohnern eine Milliarde fr den Mord an ihrer Jugendliebe Alfred III, der sie einst schwanger sitzen lie, um eine wohlhabendere Frau zu heiraten. Dem verlockenden Angebot knnen die hochverschuldeten Gllener schlielich nicht widerstehen und schreiten zur Tat. In der vorliegenden Szene des l. Aktes stellt Claire Zachanassian erstmalig ihre Forderung.

CLAIRE ZACHANASSIAN Brgermeister, Gllener. Eure selbstlose Freude ber meinen Besuch rhrt mich. Ich war war ein etwas anderes Kind, als ich nun in der Rede des Brgermeisters vorkomme, in der Schule wurde ich geprgelt, und die Kartoffeln fr die Witwe Boll habe ich gestohlen, gemeinsam mit III, nicht um die alte Kupplerin vor dem Hungertode zu bewahren, sondern um mit III einmal in einem Bett zu liegen, wo es bequemer war als im Konradsweilerwald oder in der Peterschen Scheune. Um jedoch meinen Beitrag an eure Freude zu leisten, will ich gleich erklren, da ich bereit bin, Gllen eine Milliarde zu schenken. Fnfhundert Millionen der Stadt und fnfhundert Millionen verteilt auf alle Familien.
Totenstille
DER BRGERMEISTER stotternd Eine Milliarde.
Alle immer noch in Erstarrung.
CLAIRE ZACHANASSIAN Unter einer Bedingung.
Alle brechen in einen unbeschreiblichen Jubel aus. Tanzen herum, stehen auf die (l) Sthle, der Turner turnt usw. III trommelt sich begeistert auf die Brust.
ILL Die Klara! Goldig! Wunderbar! Zum Kugeln! Voll und ganz mein Zauberhexchen! Er kt sie.
DER BRGERMEISTER Unter einer Bedingung, haben gndige Frau gesagt. Darf ich diese Bedingung wissen?
CLAIRE ZACHANASSIAN Ich will die Bedingung nennen. Ich gebe euch eine Milliarde und kaufe mir dafr die Gerechtigkeit.
Totenstille. DER BRGERMEISTER Wie ist dies zu verstehen, gndige Frau?
CLAIRE ZACHANASSIAN Wie ich es sagte.
DER BRGERMEISTER Die Gerechtigkeit kann man doch nicht kaufen!
CLAIRE ZACHANASSIAN Man kann alles kaufen.
DER BRGERMEISTER Ich verstehe immer noch nicht.
CLAIRE ZACHANASSIAN Tritt vor, Boby.
Der Butler tritt von rechts in die Mitte zwischen die drei Tische, zieht die dunkle Brille ab.
DER BUTLER Ich wei nicht, ob mich noch jemand von euch erkennt.
DER LEHRER Der Oberrichter Hofer.
DER BUTLER Richtig. Der Oberrichter Hofer. Ich war vor fnfundvierzig Jahren Oberrichter in Gllen und kam dann ins Kaffiger Appellationsgericht, bis mir vor nun fnfundzwanzig Jahren Frau Zachanassian das Angebot machte, als Butler in ihre Dienste zu treten. Ich habe angenommen. Eine fr einen Akademiker vielleicht etwas seltsame Karriere, doch die angebotene Besoldung war derart phantastisch -
CLAIRE ZACHANASSIAN Komm zum Fall, Boby.
DER BUTLER Wie ihr vernommen habt, bietet Frau Claire Zachanassian eine Milliarde und will dafr Gerechtigkeit. Mit anderen Worten: Frau Claire Zachanassian bietet eine Milliarde, wenn ihr das Unrecht wiedergutmacht, das Frau Zachanassian in Gllen angetan wurde. Herr III, darf ich bitten.
III steht auf, bleich, gleichzeitig erschrocken und verwundert. ILL Was wollen Sie von mir?
DER BUTLER Treten Sie vor, Herr III.
ILL Bitte. Er tritt vor den Tisch rechts. Lacht verlegen. Zuckt die Achseln.
DER BUTLER Es war im Jahre 1910. Ich war Oberrichter in Gllen und hatte eine Vaterschaftsklage zu behandeln. Claire Zachanassian, damals Klara Wscher, klagte Sie, Herr III, an, der Vater ihres Kindes zu sein.
/// schweigt.
DER BUTLER Sie bestritten damals die Vaterschaft, Herr III. Sie hatten zwei Zeugen mitgebracht.
ILL Alte Geschichten. Ich war jung und unbesonnen.
CLAIRE ZACHANASSIAN Fhrt Koby und Loby vor, Toby und Roby.
Die beiden kaugummikauenden Monstren fhren die beiden blinden Eunuchen, die sich frhlich an der Hand halten, in die Mitte der Bhne.
DIE BEIDEN Wir sind zur Stelle, wir sind zur Stelle!
DER BUTLER Erkennen Sie die beiden, Herr III.
III schweigt.
DIE BEIDEN Wir sind Koby und Loby, wir sind Koby und Loby. ILL Ich kenne sie nicht.
DIE BEIDEN Wir haben uns verndert, wir haben uns verndert.
DER BUTLER Nennt eure Namen.
DER ERSTE Jakob Hhnlein, Jakob Hhnlein.
DER ZWEITE Ludwig Sparr, Ludwig Sparr.
DER BUTLER Nun, Herr III.
ILL Ich wei nichts von ihnen.
DER BUTLER Jakob Hhnlein und Ludwig Sparr, kennt ihr Herrn III?
DIE BEIDEN Wir sind blind, wir sind blind.
DER BUTLER Kennt ihr ihn an seiner Stimme?
DIE BEIDEN An seiner Stimme, an seiner Stimme.
DER BUTLER 1910 war ich der Richter und ihr die Zeugen. Was habt ihr geschworen, Ludwig Sparr und Jakob Hhnlein, vor dem Gericht zu Gllen?
DIE BEIDEN Wir htten mit Klara geschlafen, wir htten mit Klara geschlafen.
DER BUTLER So habt ihr vor mir geschworen. Vor dem Gericht, vor Gott. War dies die Wahrheit?
DIE BEIDEN Wir haben falsch geschworen, wir haben falsch geschworen.
DER BUTLER Warum, Ludwig Sparr und Jakob Hhnlein?
DIE BEIDEN III hat uns bestochen, III hat uns bestochen.
DER BUTLER Womit?
DIE BEIDEN Mit einem Liter Schnaps, mit einem Liter Schnaps.
CLAIRE ZACHANASSIAN Erzhlt nun, was ich mit euch getan habe, Koby und Loby.
DER BUTLER Erzhlt es.
DIE BEIDEN Die Dame lie uns suchen, die Dame lie uns suchen.
DER BUTLER So ist es. Claire Zachanassian lie euch suchen. In der ganzen Welt. Jakob Hhnlein war nach Kanada ausgewandert und Ludwig Sparr nach Australien. Aber sie fand euch. Was hat sie dann mit euch getan?
DIE BEIDEN Sie gab uns Toby und Roby. Sie gab uns Toby und Roby.
DER BUTLER Und was haben Toby und Roby mit euch gemacht?
DIE BEIDEN Kastriert und geblendet, kastriert und geblendet.
DER BUTLER Die ist die Geschichte: Ein Richter, ein Angeklagter, zwei falsche Zeugen, ein Fehlurteil im Jahre 1910. Ist es nicht so, Klgerin?
Claire Zachanassian steht auf.
ILL stampft auf den Boden. Verjhrt, alles verjhrt. Eine alte, verrckte Geschichte.
DER BUTLER Was geschah mit dem Kind, Klgerin?
CLAIRE ZACHANASSIAN leise Es lebte ein Jahr.
DER BUTLER Was geschah mit Ihnen?
CLAIRE ZACHANASSIAN Ich wurde eine Dirne.
DER BUTLER Weshalb?
CLAIRE ZACHANASSIAN Das Urteil des Gerichts machte mich dazu.
DER BUTLER Und nun wollen Sie Gerechtigkeit, Claire Zachanassian?
CLAIRE ZACHANASSIAN Ich kann sie mir leisten. Eine Milliarde fr Gllen, wenn jemand Alfred III ttet.
Totenstille.
FRAU ILL strzt auf III zu, umklammert ihn Fredi!
ILL Zauberhexchen! Das kannst du doch nicht fordern! Das Leben ging doch lngst weiter!
CLAIRE ZACHANASSIAN Das Leben ging weiter, aber ich habe nichts vergessen, III. Weder den Konradsweilerwald noch die Petersche Scheune, weder die Schlafkammer der Witwe Boll noch deinen Verrat. Nun sind wir alt geworden, beide, du verkommen und ich von den Messern der Chirurgen zerfleischt, und jetzt will ich, da wir abrechnen, beide: Du hast dein Leben gewhlt und mich in das meine gezwungen. Du wolltest, da die Zeit aufgehoben wrde, eben, im Wald unserer Jugend, voll von Vergnglichkeit. Nun habe ich sie aufgehoben, und nun will ich Gerechtigkeit, Gerechtigkeit fr eine Milliarde.
Der Brgermeister steht auf, bleich, wrdig.
DER BRGERMEISTER Frau Zachanassian: Noch sind wir in Europa, noch sind wir keine Heiden. Ich lehne im Namen der Stadt Gllen das Angebot ab. Im Namen der Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt.
Riesiger Beifall.
CLAIRE ZACHANASSIAN Ich warte.


(Drrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. In: Drrenmatt, Friedrich: Gesammelte Werke, Stcke 1. Diogenes Verlag AG, Zrich 1996, S. 606 - 612)